Diesmal fängt es mit unserer Planung schon recht chaotisch an. Zu spät aufgestanden, zu träge in der Bewegung und das Wetter sieht auch nicht verheißungsvoll aus. Wir wenden uns gedanklich von unseren ursprünglich gewohnten 90 km nach Görsbach ab und peilen schon allein aus organisatorischen Gründen nur noch etwa 70 km nach Sondershausen an. Die Zeit derweil läuft nur so weiter. Wir müssen letztlich die Route wieder umplanen und entschließen uns zu wenigstens 70 km bis Bleicherode in etwa (dabei kann man die Strecke auch noch kürzer fahren).
Es ist Samstag, der 06.06.09. Für 15:00 Uhr sind auch wir zur Feier geladen. Wir wollen uns beeilen. Doch es ist erst einmal der Samstagmorgen. Wecker aushauen, Gähnen, irgendwie aufstehen und die Kaffeemaschine finden. Kaffee trinken. Raus gucken. Flunsch ziehen. Sieht ja nicht so toll da draußen aus. Rechner anschmeißen. Weiter Kaffee schlürfen. Wetter gucken. Soll regnen später. Der nächste Kaffeeschluck. Wir schauen uns an, können uns nicht entscheiden, was wir tun. Rad fahren?! Bei dem Wetter?! Ist ja auch nicht gerade warm und böig soll es auch noch werden.
Wir debattieren.
Guidos Argumentation: Wenn wir schon Rad fahren, dann muss sich das auch lohnen. Insbesondere im Hinblick auf die eventuelle Zugfahrt am nächsten Tag, weil noch zuviel Blutalkohol. Also auf jeden Fall ja eigentlich auch am nächsten Tag wieder zurück mit dem Rad.
Ines’ Argumentation: Samstag und Sonntag sind die einzig beiden Wochentage, an denen ich zum Radfahren komme. [Ich war zu dem Zeitpunkt sowieso schon ziemlich angeknabbert, weil diese einzig beiden Tage im Juni eiskalt und stürmisch ins Wasser fielen]. Wir fahren auf jeden Fall. Man muss nicht immer nur auf den Wetterbericht hören, dem Wetter muss man ab und zu auch mal trotzen.
Wir debattieren weiter. Langsam sollten wir jedoch auch mal den Arsch hochkriegen, sonst kommen wir nicht mehr rechtzeitig zur Feier. Wir schauen nach Zügen. Es gibt zwei Verbindungen, die wir nach Bleicherode nehmen könnten. Wir debattieren darüber, ob wir die Räder im Zug mitnehmen, am Sonntag soll das Wetter schließlich besser sein. Nach Guidos Argumentation lohnt sich das ja aber nicht, weil eine Wegstrecke für den ganzen Aufwand viel zu hoch wäre, mussten wir schließlich die feierlichen Sachen und guten Schuhe auch in den Radrucksack stopfen.
Wir entschließen uns, dem Wetter zu trotzen. [Wahnsinn! Wenn ich den Bericht jetzt nach einem Jahr so lese, denke ich mir auch ... Was'n Scheiß! Einfach losfahren! Naja .... unsere Meinung diesbezüglich hat sich wenigstens zum Positiven geändert :-D !] Sachen packen und ab. Die Zeit rann da schon gewaltig irgendwie. Guido nimmt erst sein Rad von der Wand, stellt es ab und dann meins. Pfffft. Na toll! Platten. Hinten. Noch nie da gewesen und dann ausgerechnet jetzt und heute?! Ventil futsch. Guido flitzt auf Dachboden und holt Ersatzschlauch, Guido flitzt in Keller und holt Luftpumpe und ich verzweifle da schon längst. Wir waren schließlich schon viel zu spät dran, um noch pünktlich zu sein. Schlauch rein. Luft drauf. Rucksack und Rad schnappen und los geht’s. Guido vor, ich hinterher. Maaaaaaaan! Es nieselt! Die ersten Tropfen fallen tatsächlich mit unseren ersten Schritten nach draußen an diesem Morgen. Und da soll meine Skepsis (die von Guido auch gern als Pessimismus betitelt wird) zu übertrieben und oft sein? Bis zu dem Zeitpunkt war es mein Halten an dem Satze: Ich freu mich erst, dass wir fahren, wenn ich im Sattel sitz. Schließlich haben schon viel zu viele Unternehmungen in diesem Jahr mit dem letzten Atemzug ihr jähes Ende gefunden.
Aber wir wollten ja dem Wetter trotzen und fuhren daher los. Klar! Es regnete sich natürlich voll ein! Wir hofften auf die Berge, den Wald, das gäbe uns ein wenig Schutz. Auf den ländlichen Straßen die Berge hinauf pustete uns der Wind dann nur so entgegen. Gegenwind! Und das nicht zu knapp! Und somit noch einmal gefühlte 10 Grad kälter, als es durch den Regen bei tatsächlichen 12 Grad Celsius sowieso schon war.
In Brehme dann leite ich das vorzeitige Ende der Tour ein. Alles kalt, die Muskeln können nicht mehr arbeiten, ich trete nur noch irgendwie leichte Hügel hinauf in die Pedale und weiß zu dem Zeitpunkt aber gar nicht mehr, wie ich das überhaupt mache. Mir wird klar, den Berg, der noch aussteht, werd ich so nicht schaffen. Wir suchen Schutz an der Bushaltestelle der Schule im Brehme und rufen meine Schwester an, ob uns jemand abholen könnte. Ist ja nicht mehr weit bis Bleicherode, der Retter sollte schnell da sein.
Unser Retter – mein Schwager – bekommt sogar den überdachten Hänger vom lieben Nachbarn. Retter fährt los und würde in 15 Minuten bei uns sein. >Die Zeit zog sich. Eine gefühlte Stunde stehen wir doch jetzt schon seit dem Telefonat.< Ein Blick aufs Handy, dann auf die Uhr. Es wird zunehmend kälter. Guido tänzelte derweil schon neben mir. Die Füße spürt er mittlerweile nicht mehr. Wir warten tatsächlich schon 50 Minuten. Retter hatte sich verfahren und kommt dann weitere 15 Minuten später. Wurscht! Im Auto ist es schön warm und trocken. Mittlerweile 14:00 Uhr. Wir kommen wohl nicht mehr pünktlich und können froh sein, wenn wir nur eine Stunde zu spät kommen.
Ankommen in Bleicherode. Schön warm duschen und so schnell wie möglich und auch ansehnlich wie möglich fertig machen. Die verknittertste Wäsche wurde schnell von meiner Schwester gebügelt. Ein weiterer kleiner Lichtblick an diesem Tag. Wir bekommen das Auto von den beiden bis zum nächsten Morgen. Ohne dieses wären wir wohl nie nach Sondershausen gekommen.
Wir fuhren los. Schnell noch in Bleicherode zu irgendeinem Supermarkt. Wenigsten drei kleine Blümchen fehlten noch zu unserem Geschenk. Mitten im Ort dann natürlich kein einziger Wegweiser, der den Weg nach Sondershausen ausschreibt. Aber Guido weiß ja wo es langgeht. Denkste! Wir fahren und fahren. Das IPhone hat ja quasi Navi, naja zumindest GPS, ne Karte, die uns verrät, wo wir grad stecken. Wir sind irgendwie 20 km von der Idealstrecke abgedriftet. Wenden bringt in diesem Fall nichts, da wir nicht wirklich wissen, wo wir herkamen und wie dann der weitere Weg führe. Also weiter fahren, sind noch 45 km. Ich lotse und bin guter Hoffnung. Im nächsten Ort dann Umleitung! Ein weiterer Umweg von 20 km. Wir können mittlerweile froh sein, wenn wir nur zwei Stunden zu spät kommen. Wir lassen die Umleitung hinter uns und kommen auf die Zielstrecke zurück. Ein Blick auf die Tankanzeige verrät uns, entweder das Auto lügt oder wir fahren grad nur noch auf Reserve. Wir fahren gerade bergab und lassen vorsichtshalber mal rollen. Wird ja sicherlich ne Tankstelle hier geben. Aber nicht eine Tankstelle begegnet uns auf unserem Wege. Uns ist es mittlerweile aber auch ziemlich egal, wenn wir jetzt auch noch liegen blieben. Das würde in Anbetracht der ganzen Tour auch nicht mehr viel ändern.
Wir bleiben aber nicht liegen, finden noch nach Sondershausen und sogar in unsere Pension und schlussendlich auch zum Ort der Feierlichkeit.
Wir sind da! Wir treten ein! Alles Gute zu eurem Ehrentage Julia und Nico! Unser Weg war uns nicht zu mühsam für die tolle Feier und euch als Brautpaar.